SONNTAGS-ÜBERGABE
Sonntagabende in Berlin fühlten sich immer schwerer an, als sie eigentlich sollten.
Die Hitze klebte noch lange nach Sonnenuntergang in der Luft, und der Dunst über der Stadtautobahn verschmierte den Himmel zu einem müden Grau-Orange. Für die meisten bedeutete Sonntag Resteessen und der frühe Wecker für den nächsten Morgen.
Für Michael Stein bedeutete es: Kontrolle. Um Punkt 18:55 Uhr bog er mit seinem schwarzen Wagen in die schmale Straße in Neukölln ein, in der sein Sohn jede zweite Woche verbrachte. Die rissigen Gehwege und schiefen Zäune waren eine völlig andere Welt als das Haus aus Glas und Stahl, das Michael in Potsdam besaß. Er beschwerte sich nie über diesen Kontrast.
Denn an Sonntagen zählte nur eine Sache. Lukas.
ETWAS STIMMTE NICHT
Die Haustür öffnete sich. Lukas trat heraus. Michael spürte es sofort. Sein Zehnjähriger war normalerweise ein Energiebündel – er rannte, redete und lachte meist schon, bevor er das Auto überhaupt erreicht hatte. Doch heute Abend bewegte er sich vorsichtig, als müsste jeder Schritt erst mühsam ausgehandelt werden. „Hey, Großer“, rief Michael und zwang seine Stimme zur Ruhe. „Alles klar bei dir?“ Lukas lächelte. Es war die Art von Lächeln, die aussieht, als würde sie jeden Moment zerbrechen. „Ja. Nur Muskelkater.“ „Muskelkater wovon?“ Eine Pause. „Sport.“ Lukas hasste Sport. Michael öffnete die Autotür. Lukas setzte sich nicht hin. Er ließ sich langsam herabsinken und stützte seine Arme so gegen den Sitz, als wollte er die Schwerkraft überlisten. „Ich bleibe so sitzen“, murmelte er. Michaels Kiefer spannte sich an.
DAS ABENDESSEN, BEI DEM ER NICHT SITZEN WOLLTE
Zurück zu Hause öffnete sich das Tor lautlos. Die Lichter entlang der Einfahrt leuchteten sanft und einladend – Details, die Lukas normalerweise sofort bemerkte. Heute Abend würdigte er ihnen kaum eines Blickes. Das Abendessen war fertig. Die Tische waren gedeckt. Lukas blieb stehen. „Du kannst dich setzen“, sagte Michael sanft.
Lukas schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht.“ Michael kniete sich hin, sodass sie auf Augenhöhe waren. „Lukas.“ Sofort kamen die Tränen. „Es tut weh“, flüsterte er. Das war der Moment, in dem alles messerscharf wurde.



















































