Teil 1
Vor zwei Monaten fuhr meine Frau Sabine nach Stuttgart, um unserem Sohn Kevin und seiner Frau Birgit beim Einzug in ihr neues Haus zu helfen.
Sie hatte geplant, zwei Wochen zu bleiben. Nach vier Tagen hob sie bei meinen Anrufen nicht mehr ab. Am fünften Tag konnte ich die Angst nicht mehr ignorieren. Ich stieg in meinen Wagen und fuhr die drei Stunden nach Stuttgart-West.
Kevins Wohnviertel war ruhig und wohlhabend – die Art von Gegend mit breiten Rasenflächen, alten Bäumen und Häusern, die weit von der Straße zurückversetzt waren. Sein Haus sah schicker aus, als ich erwartet hatte, besonders für jemanden, der mir monatelang erzählt hatte, dass das Geld knapp sei. Ich parkte draußen und versuchte mich selbst davon zu überzeugen, dass es Sabine gut ging.
Vielleicht war ihr Akku leer. Vielleicht war sie erschöpft. Vielleicht hatte sie das Telefon verlegt. Aber in einundvierzig Ehejahren hatte Sabine nie zuvor so geschwiegen. Noch bevor ich den Gehweg zum Haus erreichte, eilte ein älterer Mann von der gegenüberliegenden Straßenseite auf mich zu. „Sind Sie mit der Frau in diesem Haus verwandt?“, fragte er. „Das ist meine Frau“, sagte ich. „Frank Callaway.“ „Ich bin Erich Hutzel. Sie müssen einen Krankenwagen rufen, bevor Sie da reingehen.“ Ich hatte einunddreißig Jahre als Kriminalhauptkommissar bei der Mordkommission gearbeitet. Ich erkannte echte Angst, wenn ich sie sah. Erich war terronisiert. Er erzählte mir, dass er Sabine drei Tage zuvor durch das Küchenfenster gesehen hatte. Sie saß am Tisch und konnte kaum noch den Kopf oben halten. Dann war sie vom Stuhl gerutscht und auf den Boden gefallen. Er hatte zu Kevin rübergerufen, aber Kevin sagte ihm, Sabine hätte einfach nur zu viel Wein getrunken. Erich beobachtete das Haus weiter. Eine Stunde lang half ihr niemand auf. Also wählte er den Notruf. Aber Kevin empfing die Sanitäter an der Tür und sagte ihnen, sie hätte empfindlich auf ein neues Medikament reagiert und es sei bereits alles geregelt. Sie fuhren wieder ab. Seitdem hatte Erich Sabine nicht mehr gesehen. Ich rief sofort den Rettungsdienst und ging dann zur Tür. Kevin öffnete. „Papa. Ich wusste nicht, dass du kommst.“ „Wo ist deine Mutter?“ „Sie ruht sich oben aus. Sie hat sich nicht wohlgefühlt—“ Ich drängte mich an ihm vorbei. Ich fand Sabine im Gästezimmer im Obergeschoss. Sie war blass, schwach und erschreckend hager unter den Decken. Als sie die Augen öffnete und mich sah, brach mir der Erleichterungsausdruck in ihrem Gesicht fast das Herz. „Frank“, flüsterte sie. „Ich bin hier“, sagte ich. „Hilfe ist unterwegs.“ Sie versuchte sich aufzusetzen, konnte es aber nicht.
„Etwas stimmt nicht mit mir. Ich kann nicht klar denken.“ Kevin tauchte im Türrahmen auf und versuchte, Erklärungen abzugeben. Ich fuhr ihn an. „Sag kein einziges Wort mehr.“ Die Sanitäter trafen wenige Minuten später ein. Im Krankenhaus erklärte mir der Arzt, dass Sabine eine lebensgefährliche Menge an Benzodiazepinen im Blut hatte. Aber Sabine hatte dafür überhaupt kein Rezept. Die Werte deuteten darauf hin, dass ihr über mehrere Tage hinweg hohe Dosen verabreicht worden waren. In Kombination mit mangelnder Nahrungsaufnahme begann ihr Körper bereits zu versagen. „Wäre noch ein weiterer Tag vergangen“, sagte der Arzt, „würden wir dieses Gespräch jetzt ganz anders führen.“ Sabine wurde auf die Intensivstation aufgenommen. In jener Nacht wurde sie weit genug wach, um mir von dem Tee zu erzählen. Jeden Abend hatte Birgit ihr vor dem Schlafengehen einen Kamillentee zubereitet.


















































