Teil 2
Nach der zweiten Nacht wurde Sabine schwach und verwirrt. Sie versuchte Kevin zu sagen, dass etwas nicht stimmte. Er tätschelte nur ihre Hand und sagte ihr, sie solle schlafen. Ihr Telefon war so unglücklich heruntergefallen, dass sie es nicht erreichen konnte. Sie konnte mich nicht anrufen. Am nächsten Morgen kam Kriminalhauptkommissarin Patricia Ware vom Polizeipräsidium Stuttgart, um meine Aussage aufzunehmen. Ich erzählte ihr alles: Kevins merkwürdige Fragen zu unserer Rente, Erichs Beobachtungen, Sabines Symptome und den allabendlichen Tee. Kevin und Birgit kamen an diesem Nachmittag ins Krankenhaus. Sie gaben sich besorgt. Zu besorgt. Als ich die Beruhigungsmittel erwähnte, deutete Birgit schnell an, Sabine könnte versehentlich etwas aus ihrem Apothekenschränkchen genommen haben. Dann erwähnte ich den Tee. Für den Bruchteil einer Sekunde flackerte etwas in ihren Augen auf. In dieser Nacht rief ich einen alten Freund vom BKA an, Raimund Dalton, der mittlerweile als Privatermittler auf Finanzdelikte spezialisiert war. Zwei Tage später rief er zurück. Kevin versank in Schulden. Ratenkredite. Private Geldgeber. Ausgereizte Kreditkarten. Über 120.000 Euro an Konsumschulden. Dann erzählte Raimund mir etwas noch Schlimmeres. Sechs Wochen bevor Sabine nach Stuttgart gefahren war, hatte Birgit bei einer Lebensversicherung angerufen und sich nach den Auszahlungsfristen und Begünstigtenregelungen für eine Police erkundigt, die auf Sabines Namen lief. Sabine hatte eine Lebensversicherung im Wert von 400.000 Euro. Plötzlich war alles klar. Sie hatten nicht darauf gewartet, zu erben. Sie hatten geplant, abzukassieren. Die Laborergebnisse bestätigten es. In Sabines Tasse befand sich zerriebenes Alprazolam. Birgit hatte es Wochen vor Sabines Ankunft online bestellt und dafür ein Postfach unter ihrem eigenen Namen genutzt. Ihr Suchverlauf im Internet war noch eindeutiger. Wie viel Xanax führt zur Bewusstlosigkeit. Symptome einer Überdosis Beruhigungsmittel. Wie lange bleibt Alprazolam im Körper nachweisbar. Können Schlafmittel ohne Behandlung zum Tod führen. Es wurde Anklage erhoben. Versuchter Mord. Verabredung zum Verbrechen. Misshandlung von Schutzbefohlenen. Gefährliche Körperverletzung durch Beibringen von Gift. Kevin und Birgit wurden am nächsten Morgen festgenommen. Dann kamen die Lügen. Ihr Anwalt trat im Fernsehen auf und behauptete, Sabine hätte sich heimlich selbst medikiert und Kevin und Birgit hätten lediglich versucht, ihr zu helfen. Aber Beweise scheren sich nicht um Inszenierungen. Unser zivilrechtlicher Anwalt fror all ihre Vermögenswerte ein. Schließlich bekamen ihre Geschichten Risse. Kevin ging auf einen Deal ein und sagte gegen Birgit aus. Er gab zu, dass Birgit Monate zuvor mit der Planung begonnen hatte, nachdem sie von Sabines Lebensversicherung erfahren hatte. Er gab zu, gesehen zu haben, wie sie das Beruhigungsmittel in den Tee gab. Er gab zu, dass sie Erich fernhielten, Hilfe abwiesen und hofften, dass niemand nachweisen könnte, was wirklich passiert war. Birgit wurde verurteilt. Der Richter verhängte eine Freiheitsstrafe von vierundzwanzig Jahren, mit einer Mindestverbüßungszeit von zwanzig Jahren vor einer eventuellen Bewährung. Kevin erhielt durch seine Kronzeugenregelung acht Jahre. Sabine erholte sich langsam, obwohl eine gewisse Schwäche und leichte Gedächtnisprobleme zurückblieben. Bevor wir Stuttgart verließen, besuchten wir Erich. Sabine backte ihm einen Rührkuchen. Er war der einzige Mensch in dieser ganzen Straße gewesen, der bereit war, den eigenen Augen zu trauen und danach zu handeln.
Teil 3
Er hatte ihr das Leben gerettet. Später änderten wir unsere Testamente. Kevin würde absolut nichts bekommen. Stattdessen sollte unser Nachlass eine Pflegeschule, die Heidelberger Tafel, bei der Sabine jahrelang ehrenamtlich gearbeitet hatte, und ein Stipendium im Namen von Erich Hutzel finanzieren. Letzten Monat schickte mir Kevin einen Brief aus der Justizvollzugsanstalt. Vier Seiten. Eine Entschuldigung. Ausflüchte. Er gab Birgit die Schuld, den Schulden und jener Version seiner selbst, von der er behauptete, dass sie nicht mehr existierte. Er fragte, ob es einen Weg zurück gäbe. Ich las den Brief zweimal. Dann steckte ich ihn in den Aktenvernichter. Manche Türen sind nicht dafür gemacht, wieder geöffnet zu werden. An jenem Abend stand Sabine in unserer Küche und rührte in der Suppe, so wie sie es jeden Winter seit unserer Hochzeit getan hatte. Ich saß am Tisch und sah zu, wie sie sich durch die Wärme unseres Zuhauses bewegte. Zum ersten Mal seit Monaten spürte ich tiefen Frieden. Nicht, weil alles wieder gut war. Sondern weil ich das beschützt hatte, was noch immer zählte. Und das war genug.



















































