Ich stand da, als mein Vater meine Kleidung, meine Bücher und das letzte Foto meiner Mutter ins Feuer warf, als ob mein Leben nichts bedeuten würde. Dann sah er mir direkt in die Augen und sagte: „Das passiert, wenn man mir nicht gehorcht.“ Ich sagte kein Wort. Sechs Jahre später rief ich ihn an und flüsterte: „Schau in deinen Briefkasten.“ Darin lag ein Foto von mir, wie ich vor seinem Haus stand. Dem Haus, das ich gerade gekauft hatte. Und das war erst der Anfang.
Mein Vater verbrannte alles, was ich besaß, im Hinterhof, als ich neunzehn war. Nicht nur eine Handvoll Hemden oder eine Kiste mit Sachen aus der Garage. Er schleppte meine Kleidung heraus, meine Notizbücher, meine Arbeitsstiefel, die alte Kaffeetasse meiner Mutter, die ich in meinem Schrank versteckt hatte, das eingerahmte Foto von meiner Abiturfeier, sogar den gebrauchten Laptop, den ich von dem Geld aus Nebenjobs als Dachdecker in jenem Sommer gekauft hatte. Er warf alles in eine Metalltonne hinter unserem Haus in Dortmund und zündete es an, als würde er den Familiennamen reinwaschen. „Das passiert, wenn man mir nicht gehorcht“, sagte er.
Ich sah den Rauch aufsteigen und schwieg. Der Streit hatte begonnen, weil ich ihm gesagt hatte, dass ich gehen würde. Ich war für eine Ausbildung in München angenommen worden und hatte bereits einen Teilzeitjob bei einem kleinen Bauunternehmen dort sicher. Mein Vater, Walter Schulze, hatte bereits entschieden, dass ich in Dortmund bleiben, unter ihm arbeiten und jedem seiner Befehle folgen würde, bis zu dem Tag, an dem er stürbe. In seinem Kopf war ich kein Sohn mit einer Zukunft. Ich war eine unbezahlte Arbeitskraft, die seinen Nachnamen trug. Er hasste es, dass ich eine Entscheidung getroffen hatte, ohne um Erlaubnis zu fragen. Er hasste es noch mehr, dass ich nicht nachgab, als er mich anschrie. Er nannte mich egoistisch, schwach, dumm und undankbar. Als die Beleidigungen nicht mehr fruchteten, ging er zur Demütigung über.
Ich erinnere mich zu genau an die Details. Die Spätsommerhitze. Das trockene Knistern des Papiers, das Feuer fing. Der beißende Geruch von schmelzendem Plastik. Das Geräusch meiner Gürtelschnalle, die gegen das Innere der Tonne schlug. Mein Vater stand mit verschränkten Armen da, als würde er mir etwas Edles lehren, anstatt alles zu zerstören, was ich besaß. Was er nicht wusste, war, dass ich das Wichtigste bereits an jenem Morgen vom Grundstück geschafft hatte: meine Dokumente, das gesparte Bargeld und den Zulassungsbescheid, der in einem Umschlag im Kofferraum des Wagens meines Freundes Niklas lag. Als das Feuer erlosch, nahm ich mein Handy, rief Niklas an und bat ihn, mich abzuholen. Mein Vater lachte, als er das hörte. „Wenn du dieses Haus verlässt“, sagte er und trat so nah an mich heran, dass ich die Bierfahne riechen konnte, „dann kommst du nicht wieder zurück.“ Ich sah ihm endlich in die Augen. Sechs Jahre später rief ich ihn an und sagte: „Schau in deinen Briefkasten.“ Darin lag ein Foto von mir, wie ich vor seinem Haus stand.
Dem Haus, das ich gerade bei einer Versteigerung gekauft hatte. Dieses Foto entstand nicht allein aus Rache. Es entstand, weil ich mir sechs Jahre zuvor vor diesem Feuer ein Versprechen gegeben hatte: Wenn ich jemals wieder Macht hätte, würde ich sie niemals so einsetzen wie mein Vater. Niklas fuhr mich noch in derselben Nacht nach München, mit einem Rucksack, dreiundvierzig Euro in bar und dem Umschlag aus seinem Kofferraum. Ich schlief zwei Wochen lang auf der Couch seines Cousins, bevor die Ausbildung begann. Tagsüber arbeitete ich im Abbruch für einen Bauunternehmer, der gerne junge Leute einstellte, die sonst niemand wollte. Nachts lernte ich Kalkulation, Arbeitssicherheit und Projektplanung. Ich lernte schnell, weil ich keine Wahl hatte.
Im ersten Jahr bestand der ganze Plan nur aus Überleben. Miete. Essen. Benzin. Gebühren. Ich kaufte Jeans im Secondhand-Laden und Stahlkappenstiefel vom Restposten. Ich sagte zu jeder Schicht ja. Ich baute Dachstühle im Winter, flickte Dächer im Frühjahr, schleppte Trockenbauplatten in der Julihitze und lernte, welchen Polieren man zuhören musste und welche nur brüllen konnten. Mit zweiundzwanzig leitete ich kleine Trupps. Mit vierundzwanzig hatte ich meinen Meisterbrief und einen gebrauchten Transporter mit meinem Firmennamen als Magnetfolie an der Seite: Schulze Sanierung & Bau. Ich behielt den Nachnamen, weil ich ihn neu definieren wollte, statt vor ihm wegzulaufen.


















































