Am Morgen nach der Beisetzung von Großvater Walter Mayer drängten meine Eltern meine Schwester und mich in eine schicke Anwaltskanzlei in der Frankfurter Innenstadt zur Testamentseröffnung. Papa trug seinen Anzug für „große Kunden“. Mamas Perlenkette glänzte. Meine Schwester Birgit sah gefasst und kamerabereit aus.
Ich war direkt von meiner Schicht aus der Krankenhaus-Kantine gekommen, meine Hände rochen noch leicht nach Desinfektionsmittel. Mama blickte auf mein schlichtes schwarzes Kleid und murmelte: „Hier geht es um das Geld der Familie.“ Das Geld der Familie hatte mich nie wirklich eingeschlossen. Birgit war schon immer der Liebling gewesen – Privatlehrer, ein eigenes Auto mit achtzehn, endloses Lob. Ich war das Ersatzkind, von dem man erwartete, dass es für die Reste dankbar war. Der Einzige, der mich jemals so behandelte, als wäre ich wirklich wichtig, war Großvater Walter. Er pflegte mir zu sagen: „Achte darauf, wie sich Menschen verhalten, wenn sie glauben, dass sie bereits gewonnen haben.“
Rechtsanwalt Harris begann mit der Verlesung des Testaments. „Meiner Enkelin, Birgit Elaine Müller, hinterlasse ich sechs Millionen neunhunderttausend Euro.“
Birgit schnappte theatralisch nach Luft. Papa gluckste vor Zufriedenheit. Mama lehnte sich zu mir herüber und flüsterte: „Manche Kinder genügen den Ansprüchen eben nicht.“ Dann fuhr Harris fort. „Meiner Tochter Diana Müller und meinem Schwiegersohn Robert Müller hinterlasse ich jeweils einen Euro.“ Mama versteifte sich. „Und meiner Enkelin, Clara Müller… einen Euro.“ Meine Eltern brachen in ein lautes, achtlosem Lachen aus. Mama schob mir einen glatten Ein-Euro-Schein zu, als wäre ich eine Fremde. „Geh und verdien dir dein eigenes Geld“, sagte sie. Ich berührte ihn nicht. Dann hob Rechtsanwalt Harris einen versiegelten Umschlag an.


















































