Frau Beate war blind, siebzig Jahre alt und hatte ihr ganzes Leben in dem Glauben verbracht, dass Muttersein bedeutete, alles ohne Klage zu ertragen. Das Telefon entglitt fast ihrer zitternden Hand, als sie die Stimme ihres Sohnes am anderen Ende der Leitung hörte – ruhig, bestimmt, endgültig.
„Ich habe das Grundstück bereits verkauft, Mutter“, sagte Matthias. „Du hast drei Tage Zeit, um auszuziehen.“
Ihr schnürte sich die Kehle zu. „Was sagst du da, mein Sohn? Dieses Land ist unser Zuhause. Ich habe dich dort großgezogen. Ich habe dort Wäsche gewaschen, um deine Schule zu bezahlen.“ „Es gehört dir nicht mehr“, antwortete er ungeduldig. „Du hast vor Jahren eine Vollmacht unterschrieben. Es ist erledigt.“
„Aber… hier wohne ich doch“, flüsterte sie. „Wo soll ich hin?“ „Ich weiß es nicht“, sagte Matthias. „Aber das ist nicht mehr mein Problem. Die neuen Besitzer kommen am Freitag.“
Die Leitung war tot. Frau Beate wählte erneut. Einmal. Zweimal. Fünfmal. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Sie saß schweigend da, ihre Hände bebten, ihre Augen waren trocken – nicht, weil sie nichts fühlte, sondern weil sie schon vor langer Zeit alle Tränen vergossen hatte.
Am Freitagmorgen hielt ein Auto vor dem Haus. Zwei Männer stiegen mit Maßbändern aus. Eine Frau folgte ihnen mit einem Klemmbrett in der Hand. „Gute Frau, Sie müssen das Grundstück räumen“, sagte die Frau barsch. „Es ist alles unterschrieben.“ „Mein Sohn sagte mir, ich hätte drei Tage Zeit“, sagte Beate leise. „Heute ist der dritte Tag.“
Frau Beate erhob sich langsam von der Holzbank, auf der sie Jahrzehnte lang darauf gewartet hatte, dass die Wäsche trocknete. „Ich nehme mit, was in eine Tasche passt“, sagte sie. „Der Rest bleibt hier.“ Die Frau sah nicht auf. „Beeilen Sie sich. Wir müssen vor der Dunkelheit Maß nehmen.“ Eine Nachbarin, Frau Helga, kam herbeigeeilt. „Beate, was ist hier los?“ „Sie haben es verkauft“, sagte Beate. „Mein Sohn hat es getan.“ Helga legte einen Arm um sie. „Wo ist Matthias?“ „Ich weiß es nicht. Er hat keine Nummer mehr.“
Beate verließ ihr Zuhause mit einer Plastiktüte: drei Blusen, ein Rock, ein Rosenkranz – und ein Schuhkarton voller Papiere, die sie nie hatte lesen können. Helga führte sie in ein winziges Zimmer am Ende eines gemeinsamen Hinterhofs. „Du kannst hierbleiben“, sagte sie. „Es ist klein, aber es ist ein Dach über dem Kopf.“ Beate saß auf der Pritsche und drückte den Schuhkarton an ihre Brust. „Er wird anrufen“, flüsterte sie. „Wenn er sich erinnert.“ Helga sagte nichts.
Der Sohn, der seine Vergangenheit auslöschte In Berlin speiste Dr. Matthias Ewald mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter und besprach die Renovierung seiner neuen Praxis. Niemand erwähnte seine Mutter. Niemand fragte nach ihr. Denn für Matthias existierte sie nicht mehr.


















































