Seit fast drei Wochen stand das Anwesen der Familie Weber in den Hügeln über Heidelberg auf einer inoffiziellen schwarzen Liste. Die Vermittlungsagenturen sagten nicht offen, dass das Haus gefährlich sei, aber jede Frau, die es betrat, kam verändert wieder heraus. Einige weinten. Andere schrien. Eine schloss sich in der Waschküche ein, bis der Sicherheitsdienst sie hinausbegleitete. Die letzte Betreuerin rannte bei Morgengrauen barfuß die Einfahrt hinunter, grüne Farbe tropfte aus ihrem Haar, und sie schrie, die Kinder seien besessen und die Wände würden lauschen, wenn man schließe.
Hinter den Glastüren seines Heimbüros beobachtete Johannes Weber, siebenunddreißig Jahre alt, wie sich das Tor hinter ihrem Taxi schloss. Er war der Gründer einer Cybersicherheitsfirma, die mittlerweile an der Börse gehandelt wurde – ein Mann, der wöchentlich von Wirtschaftsmagazinen interviewt wurde. Doch all das spielte keine Rolle, als er sich wieder dem Haus zuwandte und oben das Geräusch von etwas Zerberstendem hörte.
An der Wand hing ein Familienfoto, das vier Jahre zuvor aufgenommen worden war. Seine Frau Annabel, strahlend und lachend, kniete im Sand, während ihre sechs Töchter an ihrem Kleid hingen, sonnenverbrannt und glücklich. Johannes berührte den Rahmen mit den Fingerspitzen. „Ich lasse sie im Stich“, sagte er leise in den leeren Raum. Sein Telefon klingelte. Sein Betriebsleiter Stefan Lohmann sprach vorsichtig. „Sir, kein lizenziertes Kindermädchen nimmt die Stelle an. Die Rechtsabteilung hat mir geraten, die Anrufe einzustellen.“
Johannes atmete langsam aus. „Dann stellen wir eben kein Kindermädchen ein.“ „Es gibt noch eine Option“, erwiderte Stefan. „Eine Reinigungskraft in Vollzeit. Keine offiziellen Aufgaben in der Kinderbetreuung.“
Johannes blickte durch das Fenster in den Garten, wo Spielzeug zwischen abgestorbenen Pflanzen und umgestürzten Stühlen kaputt herumlag. „Stellen Sie ein, wer auch immer zusagt.“
Am anderen Ende der Stadt, in einer engen Wohnung nahe dem Berliner Ring, schnürte die sechsundzwanzigjährige Nora Degenhardt ihre abgetragenen Turnschuhe und schob ihre Psychologie-Lehrbücher in einen Rucksack. Sie reinigte an sechs Tagen die Woche Häuser und studierte nachts Kindertraumata, angetrieben von einer Vergangenheit, über die sie selten sprach. Als sie siebzehn war, war ihr jüngerer Bruder bei einem Hausbrand ums Leben gekommen. Seitdem erschreckte sie die Angst nicht mehr. Stille machte ihr keine Angst. Schmerz fühlte sich vertraut an.
Ihr Handy summte. Die Agenturleiterin klang gehetzt. „Notfallvermittlung. Privatbesitz. Sofortiger Beginn. Dreifaches Gehalt.“ Nora blickte auf die Studiengebührenrechnung, die an ihrem Kühlschrank klebte. „Schicken Sie mir die Adresse.“


















































